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Regraguia Benhila:
Es brauchte Mut, um über die Mauern zu springen
Ein Nachruf auf die marokkanische Künstlerin von Fatema Mernissi, Roswitha Pross,
Hanne Kircher und Greta Tüllmann
Fotos: Roswitha Pross
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Ich kann nur schreiben, wenn ich in Marokko bin, und dann auch nur, wenn ich mitten in der Stadt in der Nähe einer Medina (Altstadt) wohne und spät am Nachmittag schiebend und hin-,und hergeschoben in den engen Gassen rumbummeln kann und mich hier und da in ein flüchtiges Gespräch mit einem der Handwerker verwickeln lasse.
Immer wieder habe ich mich gefragt, warum ich woanders so wenig inspiriert bin, besonders in den großen Städten der Welt wie Paris, Berlin oder Washington nicht, in die ich oft eingeladen werde. Und dann traf ich Regraguia, eine Frau, die arm, aber romantisch und sensibel war, in Essaouira, einer der abgelegensten Städte in Marokko, weit weg von Casablanca und vom Wirtschafts- Boom, voller Arbeits losigkeit und Frustration, und ich begriff plötzlich, warum ich nur inmitten der vibrierenden marokkanischen Gesellschaft kreativ sein kann: nur hier, in unseren angsteinflößenden Medinas, trifft man auf Menschen, die mit dem Schicksal spielen und denen es manchmal gelingt, es zu überlisten.
Regraguia gehört zu diesen Menschen, die wahre Wunder vollbringen: Sie ist 56 Jahre alt. Klein und zierlich von Kopf bis Fuß in einen weißen Haic" gehüllt, das Gesicht hinter schwarzem Mousselin versteckt, schaut sie dich mit ihren großen, dunklen, müden Augen an und verbreitet plötzlich in ihrer Welt und in ihren Bildern ein unerwartetes Licht, obwohl das Schicksal für sie nur Enttäuschungen und Dunkelheit vorgesehen hatte. Ich habe schon immer gemalt und meine Träume und den Mann, den ich liebe auf das Papier gezaubert, aber du wirst es nicht glauben, bis 1986 hatte ich Angst, eine Galerie zu betreten. Eine ungebildete, verschleierte Frau konnte keine Galerie betreten. Eine Galerie, das war ein Raum, in den du nur ein paar flüchtige Blicke auf die Bilder an den Wänden werfen konntest. Da ich den Haic (großer, traditioneller Schleier aus weißer Wolle, den die Frauen in Essaouira tragen) und das Gesicht mit schwarzem Mousseline verschleiert trug, wagte ich nicht, diese Schwelle zu überschreiten. Ich hatte Angst vor den Sätzen: Eh da, wo willst du hin, Frau?' Was soviel heißt: 'Was suchst du hier, arme, ungebildete Frau?' Ein Satz, der dich terrorisiert und dich an die Grenzen und die Absurditäten der bestehenden Machtverhältnisse erinnert."
Fatema Mernissi über Regraguia, 1997
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Regraguia Benhila |
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Grenzlos
Ein weißer Hauch schleicht herein / Ein weißer Hauch mit
schwarzem Mundtuch -
Ich spüre Wut hochkrabbeln / Es ist ein irrer Schutz, du wirst
nicht erkannt
Die Wut ist nur da, weil ich mir so einen Schutz auch
manchmal wünsche -
Der Schleier lüftet sich / es ist mir fast peinlich, daß ich
solche Gedanken habe.
Ein offenes weiches strahlendes Lächeln / Seele pur -
vielleicht entwickelt sich unter so viel Schleier und Hüllen
erst die Seele die Frage bleibt /
ich kann mich kaum satt sehen an diesem Gesicht.
Ich würde gerne eingehüllt verschleiert durch die Stadt
spazieren -
ganz mit mir selbst / die Masken fallen unter dem Schleier /
grenzenlos.
Regraguira Benhila sagte so schön: Der Haic ist mein Haus".
Roswitha Pross
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Regraguia Benhila wird 1940 in einer Fischerfamilie in Essaouira geboren, die viel zu arm war, um ihr irgendeine Art von Schul- oder Ausbildung zu geben. Nach ihrer ersten Scheidung in Algerien kehrte sie nach Marokko zurück und arbeitete als Köchin in einem Hotel in Agadir. 1989 beginnt sie als Autodidaktin ihre Karriere als Malerin.
Ihre erste Ausstellung ist in der Galerie Frederic Damgaard, einer der besten Galerien von Essaouira. In einem Alter, in dem andere Frauen sich in Depressionen zerstören oder in den sogenannten handicaps der Menopause" verlieren, gelingt es Regraguia gleich zwei als unüberbrückbar geltende Barrieren zu überwinden: die Grenze zwischen Analphabetismus und Gehalt und dem Abgrund zwischen denen, die eine sichere, rentable Arbeit haben und denen, die mit Arbeitslosigkeit geschlagen sind. Hinzu kommt noch die Grenzüberschreitung als Künstlerin; da die Künstler das Privileg besitzen, das auszudrücken, was uns Sterbliche verbindet und was sich ihnen in unauslöschbaren Mysterien offenbart: die Verschwommenheit der Träume und die tyrannische Sprache des Unbewussten mit ihrem verwirrenden Gefolge an Symbolen und Fantasmen. Es brauchte Mut, über die Mauern zu springen, die mich erstickten. Ich war so verzweifelt dabei, mich auszudrücken. Mein Kopf brummte vor komplizierten Träumen, Wünschen und Sehnsüchten. Erstaunlich war die Solidarität der armen Frauen in meinem Viertel. Meine Nachbarinnen wollten nicht mehr, dass ich Hausarbeiten machte. Sie kamen und wuschen meine Wä sche und machten mir die Küche, damit ich mich ganz und gar der Malerei widmen konnte."
Anfangs hatte Regraguia das Wunder erlebt, dass sie von· traditionellen Aktivitäten wie der Hausarbeit, der Stickerei, dem Teppichweben, die weder Geld noch Prestige einbringen, zur Malerei überwechselte, Bilder, die im öffentlichen Raum ausgestellt werden und die sich wichtige Leute anschauen. Es war wie ein Wunder, das das Leben ihr schuldete: "Ich glaube, daß meine Bilder gefallen, weil ich durch sie mein verrücktes Verlangen nach Glück, Zärtlichkeit und Sinnlichkeit ausdrücke. Mein Leben war zwar alles andere als ein Geschenk, aber ich hatte sehr früh beschlossen, das Wort ,Frustration' aus meinem Leben zu verbannen. Wenn ich Dir einige Begebenheiten aus meinem Leben erzählen würde, würdest du nicht glauben können, dass es mir gelungen ist, nicht vom Leben enttäuscht zu sein. Ich bin nach meiner ersten Scheidung nach Marokko zurückgekehrt. Die Scheidung war für mich sehr schmerzhaft, da ich meinen Mann immer noch liebte. Er war Algerier und seine Familie hasste mich, und so ist es ihnen schließlich gelungen, mich zu verjagen. Ich war sieben Jahre in Oran verheiratet. Als ich in Essaouira keine Arbeit fand, bin ich nach Agadir gegangen und habe eine Arbeit als Köchin in einem Hotel gefunden. Zwei Monate später war dort das Erdbeben, das die ganze Stadt zerstörte! Das war 1960. Ich war zwanzig Jahre alt. Ob du es glaubst oder nicht, aber ich liebte diese Arbeit als Köchin im Hotel. Das war ein Halt, ein Moment des Friedens nach meiner ersten, sehr bewegten Ehe. Tausende von Menschen sind in diesem Erdbeben ums Leben gekommen, nur ich habe überlebt, weil ich an dem Abend ins Kino Salam gegangen bin, das einzige Gebäude in der Stadt, das ganz geblieben ist. Verrückt, oder?"
Regraguia ist überzeugt, dass das Leben die beste Schule ist und bleibt. Manche Menschen lesen viele Bücher, doch der beste Weg ins Glück zu finden ist komplizierter und lässt sich nicht durch Bücher und Bücherwissen lernen. Ich wusste immer, wann ein Weg nicht richtig war. Als ich nach dem Erdbeben in Agadir nach Essaouira zurückkam, suchte ich Arbeit als Hausmeisterin in den Gebäuden der Stadt verwaltung. Ich hob meine Hände gen Himmel und betete zu Gott: ,Allah, ich will keine Prostituierte werden. Bitte, zeig mir einen Ausweg. Allah, gesegnetes Wesen, ich wünsche mir einen sanften Ehemann, den ich lieben kann und der mich gegen alle mitleidlosen Monster beschützt.' Und stell dir vor, ein wunderbarer Mann wurde mein zweiter Ehemann; er war ein Fischer wie mein Vater."
Es ist nicht überraschend, dass die Frauen und die Männer, die Regraguia auf ihren Bildern malt, immer in einer idyllischen Umgebung schwimmen, in der Fische und Möwen ganz selbstverständlich nebeneinander auftauchen. Auf ihren Bildern gibt es auch immer viele Katzen, genauso wie in ihrem winzig kleinen Haus, das sie mit einer anderen Familie bewohnt. Ihr Haus war so klein, dass sie gezwungen war, ein Studio zum Arbeiten zu mieten. Dieses Studio machte sie fast noch berühmter als ihre Bilder: als sie 1996 die Miete nicht mehr zahlen konnte und der Besitzer sie rausschmeißen wollte, haben sich alle jungen Künstler der Stadt, Musiker, Schauspieler, Maler, zusammengetan und ein Fest organisiert aus Solidarität, um soviel Geld einzunehmen, das ihr nicht mehr gekündigt werden konnte. Das ist etwas sehr Kostbares und Seltenes, dass sich Künstler zusammentun, um einer älteren Künstlerin zu helfen, die ihre Miete nicht mehr zahlen kann, sehr selten auf der ganzen Welt und in den meisten Städten Marokkos wie Casablanca oder Rabat ganz unvorstellbar. Essaouira ist von daher eine außergewöhnliche Stadt, in der das soziale Netz trotz aller Arbeitslosigkeit noch intakt ist.
Noch außergewöhnlicher aber ist diese Frau, die einfach weiß, dass der Weg ins Glück auch immer eine Möglichkeit ist und dass wir nur Geduld brauchen, um ihn zu finden. Wenn man fünf Meter vom Atlantik entfernt geboren ist, ist das sehr prägend für ein Kind", erklärt Ragraguia, als ich sie nach ihrem Geheimnis frage. Unser Haus war dem Meer ganz nahe, direkt hinter der Mauer. Meine Mutter band mir meinen kleinen Bruder auf den Rücken und so zog ich los bei Ebbe, um Krabben und Garnelen zu suchen, die die Wellen zurückgelassen hatten. Mein Vater fand das nicht in Ordnung und ließ mich des öfteren raus, wenn er zum Fischen aufbrach, ohne meiner Mutter etwas zu sagen. Und so konnte ich dann stundenlang die Wolken beobachten und in die Wellen schauen. Damals habe ich nicht gewusst, dass diese Stunden vor den tobenden Wellen, die sich mit aller Kraft auf den ruhigen, unbeweglichen Sand stürzten, meine ersten Stunden des Glücks, meine Schule des Glücks waren. In einem ihrer Tagebücher schreibt Regraguia: Ich identifiziere mich mit dem Sand, der immer ruhig bleibt. Wie eine Frau, die liebt und vergeben kann." Als ich Regraguia fragte, warum sie sagt, sie sei Analphabetin, wenn sie doch lesen und schreiben kann, war ihre Antwort, dass es ihr ganz wichtig ist, als ungebildet und Analphabetin zu gelten, da sie nie eine Schule besucht hätte. Ich habe nur an einem zweimonatigen Alphabethisierungskurs teilgenommen. Darum hänge)ch an meiner Bezeichnung, als ungebildet zu gelten. Denn alles, was ich gelernt habe, habe ich gelernt, indem ich nachgedacht habe, ganz allein."
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Für Regraguia
Mit meinem Herzen
habe ich die Schönheit und Größe
Deines Herzens erblickt
Im Leben, im Jetzt, im Sterben.
In unseren Spielen, im Lachen
denken wir an Dich - bist Du bei uns
so nah wie eines Schmetterlings Flügelschlag
zart wie die Liebe - kraftvoll wie die Tat.
Warum sollten wir nicht weiterspielen, weiter lachen ?!
Hanne Kircher
Pour Regraguia
La beauté et la grandeur de ton coeur
je lai percue avec mon coeur
je lai percue
dans la vie, dans laujourdhui, dans la mort.
Dans nos jeux dans nos rires
nous pensons à toi - tu es avec nous
si proche comme le battement daile dun papillon
tendre comme lamour - fort comme laction.
Pouquoi ne continuerions-nous pas à rire et à jouer ?!
Hanne Kircher
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NACHRUF
Am 9. November 2009 ist unsere Herzens freundin Regraguia Benhila unerwartet in eine andere Welt gegan gen. Wir durften sie an diesem Nachmittag in ihrer ganzen Kraft erleben. In ihrem Haus Hanan auf dem Land hat sie uns malend empfangen, gesungen und tiefe, innige Gespräche mit uns ge - führt über ihr Leben, ihre Liebe, die Kinder, die auf einem guten Weg sind, über neue Projekte, Visionen und darüber, dass wir doch im Paradies vereint sein mögen. Wir bleiben in großer Dankbarkeit für diesen letzten Tag, ihre vielen Herzensgeschenke und kreative Inspiration immer mit ihr verbunden.
Die Familie hat beschlossen, Regraguia das Haus Hanan auf dem Land zu widmen als Museum und Begegnungsort. Für die nächsten drei Jahre wird Said für dessen Erhalt und Pflege sorgen.
Desweiteren gibt es den Wunsch der vielen marokkani - schen Künstlerfreunde und -freundinnen, Regraguias Lebenswerk zu dokumentieren und sich jedes Jahr im Sinne des bereits ent stan denen interkulturellen Dialogs zu treffen.
Ganz aktuell plant der enge marokkanische Freundes - kreis eine Hommage für Regraguia in Essaouira im Mai 2010. Es soll ihr zu Ehren ein 4-tägiges Fest im Rathaus werden - mit der Aus stellung von Bildern, Zeichnungen und Schriftstücken von Regraguia, Fotos von Roswitha, Bildern von mir. Ein Kolloquium wird stattfinden, bei dem Freundinnen und Freunde aus ver schiedenen Städten, Künstler, Kunstkritiker etc. zu Wort kom men. Roswithas Filme Das Geheimnis liegt in den Träu men und A la mémoire de Regraguia werden gezeigt. Viel fältige musikalische Beiträge werden die Hommage begleiten.
Wir freuen uns über die Einladung und auf die Tage, die wir gemeinsam mit anderen im Geiste mit Regraguia verbunden sein dürfen.
Roswitha Pross und Hanne Kircher
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Zum Tod von Regraguia gab es eine Fülle von Artikeln in verschiedenen - auch französisch-sprachigen - Zeitungen. Einige Beispiele:
Le Matin:
Benhilas Malerei ist von einer üppigen Großzügigkeit. Einer großen Frische. Der des Himmels und des Meeres
charakteristisch durch ihre labyrinthische Welt, extravagante Themen, durch schmeichelnde Farben, mit denen sie ihre Fantasie ausdrückt, ihre Weiblichkeit und starke Persönlichkeit ...
Albayane:
Regraguia Benhila war eine authentische Künstlerin, nicht nur durch den Gebrauch von Farben und Formen, sondern im Sinne einer anderen Wahrnehmung, der spirituellen Betrachtung der Natur, des menschlichen Schicksals, der Geschichte ... sie war eine Intellektuelle, die ihre Welt auf eigene Weise darstellte, im interkulturellen Austausch, mit der Freude an der Kunst, am Miteinander, an der allumfassenden Liebe
Sie war auch eine Künstlerin, die sich engagierte, wenn es um formelle Anlässe ging und vehement protestierte, wenn sie Nachlässigkeiten entdeckte, die die Bedingungen der Künstler und Künstlervereinigungen betrafen
ihr Leben lang hat sie mit Freude die Freiheit besungen, die individuelle wie die kollektive ...
Le MagCulture:
Regraguias Bilder sind wie Patchwork, reich an Farben, an Figuren, an Symbolen. Fast unmöglich, sie zu entwirren und sie einzeln zu betrachten. Die Personen wie die Situationen bewegen sich ständig in einem sanften, sehr rythmischen Tanz. Das Ganze ist in ein blaues, ruhiges Meer getaucht, in Ausgeglichenheit ...
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