Autobiographische Skizzen


S C H E N K E N
als Grundlage unseres Seins


USCHI MADEISKY

Was verbinden wir mit 'Schenken'? Eigentlich nur Angenehmes! Wettbewerb, Konkurrenz und Neid sehen wir da nicht. Wir verbinden damit Freude, Zuneigung, Liebe und Zusammenhalt. Beim Schenken spüren wir das Strömen, das wir auch bei dem Gefühl von Liebe spüren. Es gibt, es strömt, und es erwartet nichts zurück. (Etwas erwarten wir vielleicht doch: dem Anderen soll es gut tun). Schenken ist Geben und Annehmen und bewegt damit unendlich viel. Und wenn wir es genau betrachten, so hält Geben und Nehmen Menschen zusammen, hier bei uns und auch in anderen Teilen der Welt. Wir müssen nicht besonders kühn werden, wenn wir behaupten:
Das Schenken hält unsere Welt zusammen!



Ich empfand das schon immer. Als Kind sah ich das so und glücklicherweise konnte ich mir meine Wahrnehmung erhalten. Umso unverständlicher ist mir, wie dieser Akt, der für mich damals vordergründig von meiner Mutter ausging, den ich mit der Süße des Lebens und großem Vertrauen ins Leben verband, nieder gehalten und missachtet wurde. Von den Auswirkungen dieser Abwertung und vor allem Vereinnahmung in eine ausbeuterische Welt soll im Folgenden die Rede sein. Es soll aber auch die Rede sein von der lieblichen, bewahrenden und alles verändernden Kraft, die im Schenken ist. Da gibt es eine Frau, die die Aufwertung des Tatbestandes Schenken zu ihrem Lebenswerk machte. Nicht nur das: Sie entwickelte ganze Philosophien und ökonomische Theorien, die allesamt auf dem Schenken aufbauen. Ja, Geneviève Vaughan nimmt das Schenken als Grundlage für ein besonderes Weltbild, für eine anzustrebende Welt. Sie konnte dieses Werk entwickeln, weil sie in der Lebens- und Alltagswelt von Frauen, ganz besonders Müttern, ansetzt. Sie nahm dafür radikal die Sichtweise von Müttern, vom Ursprung, ein. Sie durchdrang den Begriff 'Schenken' und konnte daraus eine umfassende
Kritik unserer derzeitigen westlichen Gesellschaftsstruktur verfassen, und sie konnte daraus Utopien ableiten. Wohlgemerkt: machbare, realistische Utopien!

Ich begegnete Geneviève Vaughan in Texas auf dem 2. Weltkongress für Matriarchatsforschung. Eine liebevolle, warmherzige und stets gut gelaunte Frau in den besten Jahren um die 60. Immer noch habe ich ihre raue, anrührende Stimme im Ohr, wenn sie spontan am Morgen mit anderen KongressteilnehmerInnen Lieder zur Ehrung und zum Erhalt unserer Erde anstimmt. Und ich habe noch vor Augen, wie sie als Vortragende auf dem Podium steht. Was sie sagt, ist klar, klug und überzeugend. Aufgelockert wird ihr Vortrag durch Reaktionen des Publikums: Lacher in Momenten der Erkenntnis und Klatscher bei scharf formulierten sozial-politischen Forderungen.
Auf sie trifft das Prädikat der weisen Frau zu.

DER WEG DER GENEVIÈVE VAUGHAN ZUR "ÖKONOMIE DES SCHENKENS" BEGANN IN ETWA SO:
Im Alter von 20, das war in den frühen sechziger Jahren, heiratete sie einen italienischen Philosophieprofessor und ging mit ihm nach Italien. Ihr Mutterland ist Texas. Sie war sehr angeregt von der Gruppe, mit der ihr Mann arbeitete: Sprachphilosophen, die versuchten, die Marxsche Analyse von Geld und Waren auf die Sprache zu übertragen. Die Sprache sollte als Tauschhandel begriffen werden. Das hörte sich für die junge, ideenhungrige und ideenreiche Frau zunächst wunderbar an, sie wurde dadurch inspiriert, aber nach und nach wuchs bei ihr ein Unbehagen. Schon damals sagte sie sich, etwas kann an dieser Ideologie nicht stimmen. Sie machte nämlich gerade ihre eigenen Erfahrungen: Sie gebar Kinder, und sie zog ihre Kinder groß.

Während die Gruppe der philosophierenden Männer Sprache - und alles andere auch - auf Tauschbeziehungen hin untersuchte und zurückführte, erlebte sie tagtäglich, dass sie selbst eine Gebende und Schenkende war. In ihrem unmittelbaren Leben kam Tausch nicht vor. Sie schenkte ihren drei Töchtern das Leben und gab ihnen Zärtlichkeit, Nahrung, Pflege, Sprache, Liebe und vieles mehr. Aber sie gab es nicht, um etwas dafür zu bekommen. Sie ging keine Tausch-beziehung mit ihren Kindern ein. All ihr familiäres Tun geschah zur Bedürfnisbefriedigung der Anderen. Sie befriedigte die Bedürfnisse der Kleinen. Die Kleinen brauchten sie, aber niemand erwartet von ihnen, dass sie im Gegenzug die Bedürfnisse ihrer Mutter befriedigten.

Dieses schenkende mütterliche Prinzip sah Geneviève Vaughan auch in größeren allumfassenden Zusammenhängen. Sie sah es auch bei der Erde, die allen Wesen gibt und schenkt - solange sie kann. Die Erde fragt nicht: "Was bekomme ich zurück?". (Das geht natürlich nur so lange gut, wie sich in Bezug zur Erde und Natur wiederum auch Gebende finden. Nur so kann die gebende Mutter Erde wieder regenerieren. Wenn sie die einzige Gebende ist, wird sie ausgebeutet und schließlich zugrunde gehen). Dieses Bild der schenkenden Erde macht recht gut deutlich, was gemeint ist.
Das Bild läßt sich auch auf das Zusammenleben der Menschen übertragen: Alle sind irgendwann einmal Gebende, aber sie müssen es nicht im direkten Tausch- und Marktverhältnis sein und nicht aus egoistischer Berechnung. Es geht um eine Balance anderer Art. Matriarchale Gesellschaften, die nach diesen Prinzipien leben, zeigen uns: Dort haben alle zu essen, zu feiern, und unter Glück verstehen sie nicht Anhäufung von Besitz, sondern gute familiäre und nachbarschaftliche Beziehungen. Dort, wo jedoch kapitalistische Marktwirtschaft herrscht, wird die Schere zwischen Arm und Reich größer und größer.

Geneviève Vaughan, die so grundlegend denkt, wurde natürlich nicht immer und überall verstanden. Man wollte sie wohl auch nicht verstehen! Das ändert sich gerade. Durch die jüngsten Weltkongresse für Matriarchatsforschung (der 1. in Luxemburg, der 2. in Texas) traf sie mit anderen großen Denkerinnen und Forsche-rinnen zusammen. Sie lernten voneinander, sie ergänzten einander, sie respektierten einander.

Zwei von diesen Denkerinnen reflektieren im Folgenden über die "Ökonomie des Schenkens" der Geneviève Vaughan und bringen sie in Verbindung zu ihren jeweils eigenen Werken. Ich freue mich sehr, diese Ergebnisse hier nun vorstellen zu können.


HEIDE GÖTTNER-ABENDROTH
Mutter von drei Kindern. Sie lehrte zehn Jahre an der Universität München Philosophie und Wissenschaftstheorie, ab 1976 war sie Mitbegründerin der Frauenforschung. 1986 errichtete sie die 'Internationale Akademie HAGIA'. Durch ihre über 30-jährige Forschungsarbeit und ihre in mehreren Bänden erscheinende Reihe zum Thema Matriarchat wurde sie Begründerin der modernen Matriarchatsforschung. 2003 initiierte und organisierte sie den 1. Weltkongress für Matriarchatsforschung.





"Geneviève Vaughan lernte ich auf dem 1. Weltkongress für Matriarchatsforschung kennen, sie schenkte mir da ihr Buch "For-Giving". Sie hat mich dann eingeladen, den 2. Weltkongress für Matriarchatsforschung zu organisieren. Es war ein überwältigendes Ereignis, ein großes Geschenk an die Frauen.

Die Arbeiten der Geneviève Vaughan halfen mir die matriarchale Ökonomie genauer zu formulieren. Die matriarchale Ökonomie lässt sich am allerbesten mit der Begrifflichkeit der 'Ökonomie des Schenkens' beschreiben. Mit keiner anderen ökonomischen Theorie lässt sich das so beschreiben. Ich selbst war auf den Begriff 'Ausgleichsgesellschaft' gekommen. Denn mit der Zirkulation der Güter stellen sie in den Matriarchaten ständig eine ökonomische Balance her, zwischen den Clans und damit allen Mitgliedern einer Gemeinschaft.

Von Genevieève Vaughan lernte ich, dass diese Balance auf Schenkebene basiert. Bei den großen Festen verschenkt ein Clan, der das Fest für seine Dorf- oder Stadtgemeinschaft ausrichtet, seine Güter an alle anderen. Es sind reine Geschenke und es wird auch nicht erwartet, dass da etwas zurückgegeben wird. Sie haben natürlich die Regel, weil es geschlossene Gesellschaften sind, dass beim nächsten Mal ein anderer Clan einlädt, der dann wiederum seine Güter verschenkt.

Die 'Ökonomie des Schenkens' funktioniert dort deshalb so gut, weil das Schenken reihum geht. Es gibt die Erwartungshaltung nicht, dass genau der und der und genauso viel geben muss. Es ist wirklich ein freies Schenken. Geneviève spricht von: 'Mothering', 'Nurtering'. Was so viel bedeutet wie: Die anderen pflegen, sie erfreuen, Gutes tun.

Wir können also von einer Ausgleichsökonomie auf der Basis von Schenken sprechen. Güter zirkulieren mit dem Impetus des Schenkens. Da wird auch das Ethos sichtbar, dass matriarchale Gesellschaften nämlich nicht auf Kalkulation, Geldtausch und Berechnung beruhen, sondern wirklich auf der freien Gabe aus vollem Herzen. 'Ökonomie des Schenkens' ist das Gegenteil von Markt oder Marktwirtschaft, da hat sie völlig recht, vom kapitalistischen Markt auf jeden Fall. Auch das Marktgeschehen etwa im matriarachalen Juchitán geschieht nicht wegen des Profits, sondern wegen der guten Beziehungen mit den NachbarInnen. Dort ist das ganz deutlich zu sehen: Wenn ein Clan viel angehäuft hat, kommt das große Fest mit den Geschenken. Einseitige Bereicherung wird so verhindert.

Und nun gibt es in unserem kapitalistischen System, so wie es eben auch Geneviève Vaughan beschrieben hat, gleichfalls viel Schenken - in erster Linie von Müttern und Menschen, die in Ehrenämtern arbeiten. Aber diese Gaben oder Leistungen werden ausgebeutet und ausgenutzt für die umfassende kapitalistische Profitökonomie. Das ist genau die Umkehrung. Mütterarbeit wird ausgebeutet. Genevieve Vaughan geht sogar soweit und sagt, dass diese Menschen gezwungen werden, ihre Arbeit zu schenken. Sie besteht auch darauf, dass diese unendlich verborgene Ökonomie des Schenkens, die vom Patriarchat ausgenutzt wird, endlich einmal ans Licht gebracht wird. Es geht dabei nicht nur um die Arbeit der Mütter, sondern auch um die Arbeit von Frauen und Männern, die in alternativen Bewegungen arbeiten. Was geben sie da nicht alles in die Gesellschaft hinein - auch an geistiger Arbeit.

Das sind alles Geschenke, ohne die die Gesellschaft längst zusammengebrochen wäre.

Die Ökonomie in den Matriarchaten basiert im Grunde auf der Zirkulation von Geschenken, die zwar in eine einfache Marktökonomie eingebettet sind, die aber im Grunde keine Bedeutung hat. Da will niemand Profite machen, denn sie ist unkapitalistisch.

Im Martriarchat läuft es eben ganz anders, und zwar über das Ethos: Wenn du hast, dann gib! Und sie geben gern, dafür werden sie auch geachtet und geehrt!







CLAUDIA VON WERLHOF
Mutter eines Sohnes. Mitbegründerin der internationalen Frauenforschung. Forschungen in den Ländern des Südens, insbesondere Lateinamerika. Seit 1988 Lehrstuhl am Institut für Politikwissenschaft, Fakultät für Politikwissenschaft und Soziologie an der Universtät Innsbruck. Theoretikerin und Aktivistin - zuletzt gegen Globalisierung, Krieg und neoliberale Politik.



Claudia, wie kommt die "Ökonomie des Schenkens" der Geneviève Vaughan mit deinen eigenen Theorien und Erkenntnissen zusammen?

Zunächst einmal erinnert mich das, was Geneviève entwickelt hat, grundsätzlich daran, was wir in der Hausarbeits- und Subsistenzdebatte diskutiert haben. Vor allen Dingen unter dem Aspekt, dass ohne Hausarbeit- und ohne Subsistenzproduktion die Warenproduktion und die Lohnarbeit gar nicht funktionieren können. Das ist bei ihr ganz ähnlich beschrieben, sie kommt zu derselben Erkenntnis!

Ohne laufende Geschenke ist Tausch nicht möglich!

Sie geht sogar über das hinaus, was wir bisher entwickelt haben. Sie vertieft die Analyse. Sie setzt nämlich nicht einfach bei den Frauen an, sondern bei den Müttern! Dadurch schaut man dann wirklich vom Leben selbst her, so wie es entsteht, und wie dann damit umgegangen wird! Mehr in die Tiefe kann man gar nicht gehen. Durch diese Vertiefung ist es eine Erweiterung der Analyse.

In den Matriarchaten gehen sie doch immer von den Müttern aus!

Ja, das ist sozusagen die Parallele zur Matriarchatsdiskussion. Wir haben damals die Hausarbeits- und Subsistenzdebatte nicht vor dem Hintergrund der matriarchalen Gesellschaft geführt, sondern vor dem Hintergrund der kapitalistischen Gesellschaft und ihrem Verhältnis zur vormodernen Gesellschaft allgemein. Und in der Hausarbeitsdebatte haben wir uns begrifflich auf die "Hausfrau" allgemein bezogen, jedoch nicht direkt auf "die Mütter" unter ihnen.

In der Frauenbewegung der 70er Jahre hatten wir ja Arbeitsgruppen: Lohn für Hausarbeit.

Wir bezogen uns damals vor allem auf die Neuzeit und noch nicht so sehr auf das Patriarchat als das umfassendere Gesellschaftssystem. Das Patriarchat kam lediglich mit hinein als Erklärung, warum es immer Frauen sind, die in dieser ökonomisch unmöglichen Position gehalten werden, also in dem Sinne: Alle kriegen Geld für ihre Arbeit, nur die Frauen nicht. In dem Moment, wo die Geldwirtschaft sich verallgemeinert, werden die Frauen davon ausgenommen. Das ist das Absurde, was zu erklären war. Wir haben das Patriarchat damals aber noch nicht umfassend analysiert und deswegen den Matriarchatsbezug nicht hergestellt, denn wir sind erst einmal bei der Moderne stehen geblieben. Wir hatten die historische Erweiterung, um über den Kapitalismus und sogar das Patriarchat hinauszuschauen, einfach noch nicht vorgenommen. Das ist nämlich noch einmal ein erheblich anderes Bemühen. Inzwischen haben wir das gemacht oder versucht. Der Ansatz von Geneviève passt wunderbar dazu mit der Frage: Was haben denn die matriarchalen Gesellschaften eigentlich für eine Ökonomie? - abgesehen davon, dass es eine Subsistenzwirtschaft ist, in der keine Waren produziert werden. Es ist auch interessant, wie konsequent Geneviève Vaughan das Geschlecht als ökonomisch definiert sieht: Die Frauen werden in unserer Gesellschaft in die unvergütete Schenkeposition herabgedrückt (in einer Geldwirtschaft bedeutet das ja eine Herabwürdigung), während die Männer als Tauschende und Räuber sozusagen Absauger der Geschenke sind. Sie sieht das Geschlecht also nicht über die Natur, sondern über die Ökonomie definiert.

Im Patriarchat werden Frauen und Männer als Geschlechtswesen definiert?

Die Gesellschaft tut so, als sei das Geschlecht - so, wie sie es definiert - ein Naturphänomen. In Wahrheit aber definiert sie das Geschlecht über die Ökonomie. Das auf diese Weise gesellschaftlich definierte Geschlecht wird dann als Erklärung dafür benutzt, warum Frauen schenken (müssen), denn es sei ihre "Natur" - und nicht ihre Kultur-, bzw. es sei ihre Natur, dass sie am Ende alles der Gesellschaft schenken, und nicht die Gesellschaft, die sie ökonomisch dazu zwingt. Das Geschlecht wird also innerhalb eines bestimmten gesellschaftlichen Zusammenhangs definiert. Das haben wir damals auch gesagt: Es hat ja nichts mit Natur zu tun, wenn die Frauen nicht bezahlt werden für ihre Arbeit. Im Gegenteil, "von Natur aus" müssten sie gerade bezahlt werden, weil die ganze Gesellschaft zusammenbricht, wenn sie diese Arbeit nicht mehr tun. Insofern haben wir ähnlich argumentiert wie Geneviève. Wenn wir das vergleichen mit der heutigen Gender-Diskussion, dann sehen wir, dass dort der Bezug zur Mutterschaft überhaupt fehlt. Die Gender-Debatte lässt die Mütter aus. Sie thematisiert nicht, dass es Mütter gibt. Sie geht also nicht vom Leben selbst aus, sondern blendet es gewissermaßen weg. Umso mehr ist es eine notwendige Vertiefung, die Geneviève bringt. Denn der Gender-Ansatz geht - umgekehrt - offenbar davon aus, dass Mütter technologisch ersetzbar sind oder sein werden. Er ist ein im Grunde technologischer Diskurs ganz im Sinne des Patriarchats als einer Gesellschaft, die die Mütter los sein will. Das Patriarchat will - und das ist der Witz an ihm - die Lebensproduktion ja selber übernehmen, anstelle der Mütter! Dem entsprechen die Gender-"Frauen", indem sie so tun, als sei das schon der Fall - als sei es möglich und auch noch gut! Mütter gäbe es demnach dann bald gar nicht mehr...